Schuldgefühle

Bild: Dana Heidrich. In ihrem Danachblog schreibt sie darüber, wie sie mit der Trauer um ihren Mann umgeht. Hier findet ihr unser Interview im Trauer-Radio.

Auch Schuldgefühle sind ein Teil der Trauer. Doch ist es mit ihnen so, dass sie bei jedem eine ganz unterschiedliche Rolle spielen. Verschiedene Faktoren können dabei ausschlaggebend sein:

  • Erziehung
  • Kultur
  • Herkunft
  • Charakter
  • Beziehung zum Verstorbenen
  • Todesart
  • Und andere Verstrickungen

Man sollte annehmen, dass Schulgefühle hauptsächlich im Zusammenhang mit Suizid auftreten. Dort spielen sie sicherlich eine ganz besonders starke Rolle. Aber sie gehören, wie oben schon erwähnt, auch ganz allgemein zur Trauer hinzu. Obwohl sie unangenehm sind, haben sie tatsächlich bis zu einem gewissen Grad eine stabilisierende Funktion. 

Wie kann das sein? Wenn ein geliebter Mensch stirbt, werden wir uns so stark, wie niemals sonst, unserer eigenen Hilflosigkeit bewusst. Im Alltag bekommen wir es ganz gut verdrängt, dass wir eigentlich nicht unbedingt viel auszurichten haben, wenn es an die wirklich wichtigen Themen, wie Leben, Gesundheit und Tod geht. Sicherlich können wir an der einen oder anderen Schraube drehen, indem wir achtsam mit uns selbst und anderen sind, uns gesund ernähren und ausreichend für Bewegung sorgen. Doch im Prinzip hängt unser Leben von unglaublich vielen Faktoren ab, auf die wir wenig bis gar keinen Einfluss haben. Ist jemand gestorben, rückt das deutlicher als sonst in den Vordergrund und da das zum Glück nicht so häufig passiert, haben wir selten Handlungsmuster dafür parat. Zudem verstehen wir auch nicht so richtig, warum Schuldgefühle eigentlich da sind und uns den Schlaf rauben. Wenn jemand stirbt oder ein Unglück passiert, gehört es zu unserer Natur, dass wir ganz schnell damit beginnen, die Schuldfrage klären zu wollen. Dabei wird häufig sehr rigoros gegen sich selbst und andere vorgegangen und viel Porzellan zerbrochen.

Aber wenn wir begreifen, wozu Schuldgefühle tatsächlich wichtig sind, ist es unter Umständen gar nicht mehr nötig, so stark mit sich und anderen ins Gericht zu gehen. Aus meiner Sicht gibt es vier Hauptgründe, warum diese Phase in der Trauer wichtig bzw. hilfreich sein kann.

  1. Fehler vermeiden: Damit die Art erhalten bleibt, ist es systemimmanent, Menschenleben zu schützen. Ein überlebenswichtiger Reflex ist es daher für uns, zu klären, was möglicherweise schief gegangen und wer dafür verantwortlich ist, um daraus zu lernen und ähnliche Fehler zu vermeiden.
  2. Die Möglichkeit der Veränderung: Wir werden uns unserer eigenen Sterblichkeit bewusst und erhalten so die Chance einen prüfenden Blick auf unser Dasein zu werfen und vielleicht hier oder da ein paar wichtige und möglicherweise auch überfällige Änderungen vor zu nehmen.
  3. Ablenkung: Verunsichert und alleine nach einem Verlust zu sein, ist unglaublich schwer auszuhalten. Diesen zu spüren, tut manchmal so weh, dass wir durchaus den Eindruck haben, diese Gefühle kaum überleben zu können.  Daher lenken uns Schuldgefühle bzw. die Suche nach der Schuld und nach den Schuldigen ein Stück weit davon ab, dies alles in voller Wucht spüren zu müssen. Die daraus resultierenden Streitereien und Vorwürfe tragen ihr Übriges dazu bei.
  4. Sicherheit: Nach so einem Verlust haben wir oft das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Wir schwimmen und unser Leben hat sich oftmals von einem auf den anderen Tag völlig verändert. Das verunsichert uns. Wenn wir uns einreden, dass wir etwas besser oder anders hätten machen können oder müssen, suggerieren wir uns damit, dass wir durchaus die Situation hätten beeinflussen können. Sprich: Wir versuchen uns der Illusion hinzugeben, dass wir vielleicht dem Leben doch nicht so ausgeliefert sind, wie es uns gerade vorkommt.

Vor allem der letzte Punkt aber auch die anderen tragen nicht unwesentlich dazu bei, diese schwierige Zeit zu durchschreiten. Daher halten Schuldgefühle in der Regel auch nur so lange an, bis wir uns wieder sicherer fühlen. Meistens merken wir es gar nicht, wenn sie wieder verschwinden. Wie lange das dauert und wie stark das Ganze empfunden wird, hängt von den Faktoren ab, die ich oben aufgezählt habe. Daher ist auch dieser Prozess individuell verschieden und hat seine Berechtigung.

Manchmal liegen auch reale Gründe bei Schuldgefühlen vor. Wir haben tatsächlich etwas versäumt, nicht genügend aufgepasst, etc. Hier ist es wichtig zu unterscheiden, ob es sich dabei um gravierende Unterlassungen oder Aktionen handelt, die maßgeblich zum Tod der geliebten Person beigetragen haben oder ob wir lediglich sehr traurig darüber sind, dass wir das eine oder andere nicht mehr sagen oder machen konnten, was aber den Tod der Person nicht beeinflusst hat.

Auch wenn Schuldgefühle ihren Sinn und Zweck haben, sind sie sehr quälend und müssen nicht automatisch im stillen Kämmerlein mit sich selbst ausgemacht werden. Sollten sie zu stark erscheinen oder sie gar nicht wieder verschwinden wollen, halte ich es für eine gute Idee, diese mit therapeutischer Begleitung aufzuarbeiten. 

In meinem Buch „Ich konnte nichts für dich tun – Trauern und Weiterleben nach einem Suizid“ habe ich über Schuldgefühle Ähnliches wie hier geschrieben.

Veröffentlicht von trauerbegleiter

Ich bin Jahrgang 1965, in Baden-Württemberg geboren und habe mit 15 meine Mutter durch Suizid und mit 40 meinen Lebenspartner durch Krebs verloren. Vieles, was mir im Leben begegnet ist, hat mich geprägt - auch wenn ich es manchmal nicht verstanden habe. Meine Erkenntnisse und Meinungen verändern sich im Laufe meiner Entwicklung und ich bin immer wieder neugierig, welche Ereignisse mich finden und mich auf meinem Weg begleiten. So entwickelte sich aus all dem ein neuer Weg. Meine Ausbildungen Familienaufstellungen, Gewaltfreie Kommunikation, Trauerbegleitung, Trauerreden und vor allem meine Erfahrungen ermöglichen es mir, für andere Menschen in ähnlichen Situationen da zu sein. Mehr über meine Angebote, Termine und über mich finden Sie unter: www.trauerbegleiter.org

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle deine Website mit WordPress.com
Jetzt starten
%d Bloggern gefällt das: